schon immer über Goethe wissen wollten, aber nie zu fragen
wagten+++ Alles, was Sie schon immer über Goethe wissen wollten, aber nie zu
fragen wagten+++ Alles, was Sie schon immer über Goethe wissen wollten,
Klaus F. Gille
Zwischen Kulturrevolution und Nationalliteratur.
Gesammelte Aufsätze zu Goethe und seiner Zeit
trafo-verlag Berlin 1998. Preis: EUR 14.80
ISBN 3-89626-114-2
.
Abstract
In dieser Sammlung von Aufsätzen aus der Feder von Klaus F. Gille wird
Goethes Klassizität als historisch rekonstruierbares Rezeptionsphänomen
verstanden. Sie soll nicht einschüchtern, sondern uns aus sozialhistorischem
Blickwinkel helfen, unsere eigene Zeit im Horizont der Fragestellungen zu
verstehen, die die Gesellschaft in Deutschland und Europa schon um 1800
bewegten.
So werden "Werthers Leiden" im rationalitätskritischen
philosophischen Diskurs der Moderne betrachtet, als kulturrevolutionärer
Gegenentwurf zum damals schon alles beherrschenden Zweckrationalismus. Am
Beispiel von Goethes Zeitgenossen Friednch Nicolai, Jakob Michael Reinhold Lenz
und Johann Carl Wezels wird gezeigt, wie die Konstellation von
Rationalitätsdiskurs und erstrebtem "authentischen" Leben zu eigenen,
mit Goethes "Werther" konkurrierenden Alternativmodellen fuhrt.
Der "romantische" Goethe hat ebenfalls in den Rationalitätsdiskurs
eingegriffen. Sehr deutlich ist dies bei Bettina von Arnim zu sehen, die sich
in der Adaption von Goethes Mignongestalt ein Identifikationsmedium schafft, um
in weiblicher Selbstfindung den Zwängen bürgerlicher Sozialisation zu entgehen.
Einen zweiten thematischen Schwerpunkt dieser Aufsatzsammlung bildet die
Kanonisierung des Goetheschen Werkes. Goethes Weg zum klassischen Nationalautor
und die damit verbundenen Verkürzungen zugunsten einer affirmativen Weimarer
Klassik werden im letzten der hier vorgelegten Aufsätze nachgezeichnet.
Diese Aufnahme ins kollektive Gedächtnis der Nation verläuft nicht bruch- und
widerspruchslos; das zeigt sich an einzelnen Knotenpunkten dieses Prozesses,
die hier näher untersucht werden. Nach der enthusiastischen und sachkundigen
Würdigung von Goethes Werken durch den Frühromantiker Friedrich Schlegel setzt
sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ein zunehmend goethekritischer
Diskurs durch. Einer der Gründe hierfür ist die politische Askese der Weimarer
Klassik, die - in Schillers Formulierung - "die Schönheit der Freiheit
vorangehen lassen" wollte. Exemplarisch für die Kritik an dieser Haltung
stehen zwei Aufsätze: Die Überlegungen zu Franz Mehrings Frage, inwieweit
Goethe und Schiller für das Proletariat des 19. und 20. Jahrhunderts noch
Vorbildfunktion haben können, fuhren über die Erbediskussion des 20.
Jahrhunderts hinaus bis hin zu Rudolf Bahros "Alternative". Als
Beispiel für Klassikkritik im 20. Jahrhundert wird eine despektierliche
"Tasso"Aufführung im antiautoritären Klima Westdeutschlands der
endsechziger Jahre untersucht und aufihre hermeneutischen Voraussetzungen und
Konsequenzen hin befragt. Komplementär zu dieser goethekritischen
Betrachtungsweise steht die Heimholung des Dichters: Für die ideologischen
Bedürfnisse der Nation ist Faust die Leitfigur geworden, die mit ihrem Streben
dem Zweiten und dem Dritten Reich sowie der DDR kulturelle Legitimation
verschaffen sollte, während die alte BRD ihn auf nicht weniger problematische
Weise entpolitisierte.
Neben Handlungsanleitung und Kanonisierung tritt als dritter Schwerpunkt dieser
Sammlung der politische Goethe. Der Dichter war von der Französischen
Revolution traumatisiert, und das bestimmte seine ablehnende Haltung gegenüber
den politischen Partizipationsansprüchen der "Masse", die sich in
Deutschland während der' aufkommenden Nationalbewegung artikulierten. Die
Aufsätze über die "Natürliche Tochter" und "Des Epimenides
Erwachen" gehen diesen Fragen nach, untersuchen das Verhältnis von hohem
Stil und politischer Auseinandersetzung und analysieren Goethes utopische
Alternativmodelle zu den real existierenden politischen Verhältnissen.
Ergänzend zu den literarischen Stellungnahmen steht der bekenntnishafte Brief
an den angehenden Diplomaten Franz Bemhard von Bucholtz aus dem Jahre 1814, der
die differenzierteste unter den eindeutig authentischen nichtliterarischen
Äußerungen Goethes zur Nationalbewegung darstellt. In der Analyse dieses
Briefes entfaltet sich das breite Spektrum des politischen Denkens Goethes.
Inhalt
Geleitwort von Karl Robert Mandelkow
1. Die Leiden und Freuden des jungen Werthers. 2. "Ein gekreuzigter Prometheus". Zu Lenz und Werther.
"Märtyrer seines guten Herzens" Bemerkungen zur Nicht-Kanonisierung von Johann Carl Wezels Roman "Belphegor".
4. "Erlaubt ist, was sich ziemt ... " - Hermeneutische Überlegungen zum Umgang mit Klassischem.
5. "Der anmutige Scheinknabe". Bettina von Arnim und Goethes Mignon.
6. "Die natürliche Tochter" - Zu Goethes Versuch einer
Kritik der Krise.
7. "Des Epimenides Erwachen" - Goethe und die deutsche Nationalbewegung.
8. Goethe an Bucholtz, 14. Februar 1814. Aspekte der Stellung Goethes zur Nationalbewegung.
9. "wer immer strebend sich bemüht ..." - Überlegungen zur Faustrezeption.
10. Der Autor und sein intendierter Leser - Zur textexternen Rezeptionssteuerung am Beispiel von Goethes "Faust II".
1 I. "Dass ich die Schönheit der Freiheit vorangehen lasse ...". Zu einigen Aspekten der Antikerezeption in der Weimarer Klassik.
12. Proteus in der Morgenröte - Zu Friedrich Schlegels Goethekritik in der frühromantischen Phase.
13. "Nur eine wertlose Scherbe" - Zur Rezeption der Weimarer Klassik bei Franz Mehring.
14. "Wann und wo entsteht ein klassischer Nationalautor?"
Rezensionen:
Magnus Schlette in: Zeitschrift für Germanistik X - 1/2000, S. 159 - 160 ("Der Reiz der versammelten Aufsätze liegt in deren Intention, nämlich mit den Bordmitteln einer sozial- wie rezeptionsgeschichtlichen Lektüre 'Teilaspekte eines um den Mittelpunkt Goethe konzentrierten grösseren Ganzen zu erkunden und mit den Erkenntnisinteressen der Gegenwart zu vermitteln" - wie Karl Robert Mandelkow in seinem Geleitwort formuliert ')
Günter Mieth in : Weimarer Beiträge 45 (1999), H.3, S. 465 - 466 ("Alles in Allem: eine Publikation, die in die Hand des Forschers wie des Studenten gehört, und die dank der Thematik, der Darstellungsweise und des Stils einem breiten Publikum nur empfohlen werden kann.")
Hans Ester in: Duitse Kroniek 49, 1999, S. 201 - 204 ("Ich habe Klaus Gilles Buch mit grossem Interesse und mit einem herzlichen Dank für das Öffnen dieser Schatztruhe gelesen.")
Rouven Obst in http://www.literaturkritik.de/(Heft 9, September 2000): ("Es sind hier Aufsätze zusammengestellt worden, die für jeden, der getrost das Goethejahr einen einfachen Geburtstag sein lässt, eine fundierte Auseinandersetzung mit Goethe und seiner Wirkung bieten - von den Ursaprüngen bis zu den Nachkriegsverwertungen.")
Ehrhard Bahr in: Goethe-Jahrbuch CXVI, 1999 [2000]: ("In Abwandlung eines Ivan-Nagel-Zitats erklärt Gille: 'Für dummes Lesen ist kein Platz mehr' [S. 82]. Diesen Satz kann man sämtlichen seiner Aufsätze bescheinigen, die hier zum sechzigsten Geburtstag des Autors veröffentlicht sind und zum Gewinn seiner Leser das Bild einer geschlossenen wissenschaftlichen Leistung vermitteln.")
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Klaus F. Gille
versie 0202